Gianni Infantino (Bild: Bryan Berlin/Wikipedia).

Gianni Infantino oder der Turmbau zu Zürich

Die Bibel kennt keine FIFA. Sie kennt keine Klub-WM. Sie kennt keine Milliardenverträge.

Aber sie kennt Könige. Und sie kennt jene leisen Augenblicke, in denen ein Herrscher plötzlich merkt, dass nicht mehr alle nicken.

FIFA-Boss Gianni Infantino ist gerade an einem solchen Punkt angekommen. Lange schien seine Geschichte geradlinig. Die FIFA wurde reicher als jemals zuvor. Die Weltmeisterschaften grösser. Neue Märkte öffneten sich, neue Bündnisse entstanden, neue Geldquellen sprudelten. Wer den Präsidenten beobachtete, sah einen Mann, der fast jede Schlacht gewann.

Doch dann baute Infantino seinen eigenen Turm zu Babel, pardon, zu Zürich (FIFA-Hauptsitz). In den vergangenen Tagen war es nicht der Widerstand der üblichen Kritiker, der auffiel. Sondern der Aufruhr und auch unter Weggefährten.

Zu eigenmächtig, zu selbstherrlich, zu sehr an die Macht-klammernd … Infantino wäre nach der letzten offiziellen Amtszeit plötzlich eine Art Super-CEO der FIFA geworden. Das wurde selbst jenen, die bisher noch alles abgenickt hatten, zu viel.

Im biblischen Buch der Sprüche heisst es: «Pläne scheitern, wenn man niemanden um Rat fragt; wo viele Ratgeber sind, gelingen sie.» (Sprüche 15,22; Hoffnung für alle.)

Das ist kein politischer Kommentar. Es ist eine Erfahrung, die älter ist als jeder Weltverband.

Je grösser Macht wird, desto kleiner wird oft der Kreis jener Menschen, die noch widersprechen dürfen. Irgendwann sitzen am Tisch fast nur noch jene, die bestätigen, was der Mächtige ohnehin denkt. Nicht weil sie böse sind. Sondern weil Macht eine eigentümliche Schwerkraft besitzt.

Sie zieht Zustimmung an. Und sie stösst Widerspruch ab. Das Alte Testament kennt dieses Muster. Nicht nur einmal. Immer wieder.

Die gefährlichsten Gegner eines Königs stehen selten vor den Stadttoren. Sie sitzen meist im eigenen Palast.

Deshalb klingt ein weiterer Satz aus den Sprüchen erstaunlich modern: «Wo eine gute Führung fehlt, geht ein Volk zugrunde; wo aber viele Ratgeber sind, da geht es sicher.» (Sprüche 11,14.)

Viele Ratgeber. Nicht viele Bewunderer. Das ist ein Unterschied.

Niemand ausser Gott weiss, welche Gespräche hinter den Türen der FIFA tatsächlich geführt wurden. Niemand weiss, wer gewarnt, wer geschwiegen oder wer zugestimmt hat. Und niemand sollte vorschnell urteilen.

Doch gerade deshalb lohnt sich der Blick in die Bibel. Sie interessiert sich weniger für Schuldige als für Muster. Macht wächst selten explosionsartig. Sie wächst langsam. Fast unmerklich.

Bis der Moment kommt, in dem ein Präsident nicht mehr merkt, dass aus Vertrauen Abhängigkeit geworden ist und aus Loyalität gehorsame Zustimmung.

Im Buch der Prediger ist dies nüchtern formuliert: «Alles hat seine Zeit.» (Prediger 3,1). Auch die Zeit der scheinbar unangefochtenen Herrschaft. Vielleicht erlebt Gianni Infantino gerade noch keinen Sturz. Vielleicht erlebt er etwas Schwierigeres.

Den Augenblick, in dem sich zeigt, wer neben ihm steht, wenn ein Plan misslingt. Die Bibel erzählt immer wieder, dass gerade solche Stunden über Herrscher entscheiden. Nicht die Siege. Sondern die Reaktion auf Rückschläge.

König David wurde nicht gross, weil ihm alles gelang. Sondern weil er lernte, auf Mahnung zu hören – manchmal spät, aber er hörte sie. Andere Könige taten das nicht. Ihre Reiche zerfielen nicht wegen eines verlorenen Feldzuges. Sondern weil irgendwann niemand mehr den Mut hatte, ihnen zu widersprechen.

Jesus fasst diese Wahrheit in einen Satz, der bis heute unbequem geblieben ist: «Denn was hat ein Mensch davon, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber seine Seele verliert?» (Markus 8,36.) Die Antwort kennt auch der Weltfussball nicht. Mehr Details zu Jesus Christus findest du hier.

Daniel Gerber