Spanien stolpert über Kap Verde und die Welt spricht von einer Sensation. Von einer Überraschung. Von einem Fussballwunder. Das klingt hübsch. Es ist nur falsch.
Wer Kap Verde in den letzten Jahren beobachtet hat, der konnte diesen Moment kommen sehen.
Die Inselrepublik im Atlantik ist längst nicht mehr jener sympathische Aussenseiter, der sich gelegentlich an ein grosses Turnier verirrt. Kap Verde hat sich Schritt für Schritt zu einer ernstzunehmenden Fussballnation entwickelt. Nicht mit Glamour. Nicht mit Milliarden. Sondern mit Disziplin, Organisation und einer bemerkenswerten Generation von Spielern.
Gegen Giganten durchgesetzt
Der erste Hinweis kam nicht erst an dieser WM. Er kam in der Qualifikation. Dort gewann Kap Verde sieben von zehn Spielen, liess Kamerun hinter sich und holte sich den Gruppensieg mit einer Selbstverständlichkeit, die in Afrika nur wenige Teams ausstrahlen. Wer Kamerun überholt, tut das nicht zufällig. Wer über zehn Spiele nur einmal verliert, ist kein Glücksritter. Er ist gut. Sehr gut.
Und wer noch Zweifel hatte, bekam die Antwort am Afrika-Cup.
Regelmässig in Viertelfinals
2013 erreichten die Kapverdier bei ihrer Premiere gleich die Viertelfinals. Viele hielten das für einen Ausrutscher nach oben.
Dann kam 2023. Gruppensieger vor Ägypten und Ghana. Achtelfinalsieg gegen Mauretanien. Erst im Viertelfinal nach Elfmeterschiessen gegen Südafrika ausgeschieden. Das war kein Zufall mehr. Das war ein Programm.
Kap Verde hat bisher viermal am Afrika-Cup teilgenommen:
- 2013: Viertelfinale
- 2015: Gruppenphase
- 2021: Achtelfinale
- 2023: Viertelfinale
An Selbstverständlichkeit gewonnen
Kap Verde hat sich über Jahre daran gewöhnt, gegen die Grossen nicht nur mitzuspielen, sondern sie zu ärgern. Ägypten. Ghana. Kamerun. Marokko. Und nun Spanien.
Deshalb ist dieses 0:0 gegen den Europameister eben keine Sensation. Es ist die nächste Etappe einer Entwicklung, die viele unterschätzt haben.
Der Unterschied zwischen den Grossen und Kap Verde wird kleiner. Nicht weil Spanien schlechter geworden ist. Sondern weil Kap Verde besser geworden ist.
Wir werden noch viel von Kap Verde hören
Vielleicht reicht es an dieser WM nicht für den ganz grossen Wurf. Vielleicht endet die Reise bereits in den Sechzehntelfinals, vielleicht in den Achtelfinals. Vielleicht sogar früher. Aber eines scheint klar:
Wir werden von Kap Verde noch hören.
Denn die Geschichte dieser Mannschaft beginnt gerade erst. Und das Gefährlichste an diesem Team ist nicht seine aktuelle Stärke. Sondern die Tatsache, dass es noch immer unterschätzt wird.
Daniel Gerber