Kanada ist Gastgeber dieser WM. Und das Nationalteam zählt auch auf Spieler mit afrikanischen Wurzeln. Von den 26 Spielern im aktuellen WM-Kader haben mindestens neun einen klar erkennbaren afrikanischen Familienhintergrund. Bei einigen ist er offensichtlich, bei anderen wahrscheinlich, bei wenigen spekulativ. Die Einschätzung basiert auf Geburtsorten, Familiennamen, bekannten Biografien und öffentlich dokumentierten Herkunftsgeschichten.
Da ist Alphonso Davies. Geboren in einem Flüchtlingslager in Ghana als Sohn liberianischer Eltern. Die Geschichte ist bekannt. Sie ist längst grösser als Fussball geworden. Davies ist nicht nur Kanadas Captain. Er ist das Gesicht eines Landes, das sich neu erfindet.
Afrikanisch-karibische Wurzeln
Jonathan David stammt aus einer haitianischen Familie. Haiti gehört zwar zur Karibik, doch die kulturellen und historischen Wurzeln reichen tief nach Westafrika. Der Torjäger von Weltklasseformat verkörpert die afrikanische Diaspora ebenso wie Davies.
Tajon Buchanan hat jamaikanische Wurzeln. Auch hier führt die Spur über die Karibik zurück nach Afrika. Seine Dynamik, seine Explosivität, seine Unberechenbarkeit sind zu einem Markenzeichen dieser Mannschaft geworden.
Name, der Afrikas Geschichte erzählt
Noch direkter wird die Verbindung bei Ismaël Koné. Seine Familie stammt von der Elfenbeinküste. Allein sein Name erzählt die Geschichte Westafrikas. Ali Ahmed wurde sogar in Somalia geboren. Als Kleinkind kam er nach Kanada. Eine klassische Einwanderergeschichte.
Tani Oluwaseyi trägt Nigeria bereits im Namen. “Oluwaseyi” ist ein Yoruba-Name. Er wurde in Nigeria geboren und kam später nach Kanada.
Promise David? Geboren in Nigeria. Der Name klingt fast wie ein Fussballmärchen. Und vielleicht wird er an dieser WM eines schreiben. Moïse Bombito hat kongolesische Wurzeln. Schon sein Familienname verrät die Herkunft aus Zentralafrika.
Dayne St. Clair wiederum besitzt familiäre Verbindungen nach Trinidad und Tobago. Auch dort reichen die historischen Wurzeln vieler Familien nach Westafrika.
Historische Linien führen nach Afrika zurück
Und dann gibt es Grenzfälle: Spieler wie Derek Cornelius oder Jonathan Osorio stammen aus Familien mit karibischem Hintergrund. Auch hier führen die historischen Linien letztlich nach Afrika. Doch die Verbindung ist weniger direkt als bei Davies, Koné oder Oluwaseyi.
Die Bilanz ist bemerkenswert: Rechnet man die klaren Fälle zusammen, stammt rund ein Drittel des WM-Kaders direkt aus afrikanischen Familien oder der afrikanischen Diaspora. Zählt man die karibischen Wurzeln hinzu, wird der Anteil noch grösser.
Afrika baut Kanadas Fussball-Kultur
Kanada hat keine Fussballkultur wie Argentinien. Keine Tradition wie Deutschland. Keine Helden-Epik wie Brasilien. Kanada hat etwas anderes. Es hat die Welt.
In diesem Team treffen Liberia, Nigeria, Somalia, Kongo, Elfenbeinküste, Haiti, Jamaika und Kanada aufeinander. Nicht als Gegensätze. Sondern als Einheit. Vielleicht ist genau das die grösste Stärke dieser Mannschaft. Sie spielt nicht nur für Kanada. Sie spielt für die Idee, dass Herkunft keine Grenze ist. Und deshalb könnte man diesen Kader auch so beschreiben: Kanada ist Gastgeber der WM.
Und Afrika baut Kanadas aktuelle und künftige Fussball-Kultur auf.
Daniel Gerber